Fabischs Konfektion – Die Firma Philipp Fabisch am Rosenthaler Platz
Verfasser: Jakob Hübner, Centrum Judaicum Berlin Mitte
Der Rosenthaler Platz. Seine Eigenart und Lebendigkeit, die er bis heute behalten hat. Früher stand er zwischen den Welten. Seine kontrastreiche Lage zwischen proletarischen Siedlungen und riesigen Konsumtempeln diente in hervorragender Weise Döblins Großstadtbeschreibung. Der aus dem Moabiter Gefängnis freigelassene Protagonist Franz Biberkopf kommt zurück in die Stadt, nicht irgendwohin: ins „Milljöh“ am Rosenthaler Platz. Bei Döblins detailreichen Beschreibungen fehlt auch das Gebäude des heutigen Circus Hotel nicht und ist mehrfach Schauplatz. Und was war dort?
„Nach zwei Tagen ist es wärmer, Franz hat seinen Mantel verkauft, trägt dicke Unterwäsche, ... steht am Rosenthaler Platz vor Fabischs Konfektion, Fabisch und Co., feine Herrenschneiderei nach Maß, gediegene Verarbeitung und niedrige Preise sind die Merkmale unserer Erzeugnisse.“ Wie viele der Häuser am Rosenthaler Platz und im gesamten Viertel steht das Haus Rosenthaler 1 bereits seit weit über einhundert Jahren. Sie haben den Zweiten Weltkrieg überstanden, auch die folgende bauliche Vernachlässigung zu DDR-Zeiten.
Im Haus befand sich in den ersten Jahren u.a. ein Kolonialwarenhandel. Bald wurde dieser von einem „Herren-Garderobengeschäft“ abgelöst, Firma „Ph. Fabisch“. Deren Eigentümer und Namensgeber Philipp Fabisch führte offenbar die Tradition seiner Familie fort, die bisher vom Kleiderhandel gelebt hatte.
Sein Geschäft eröffnete er 1871 in der Rosenthaler Straße 2, Ecke Linienstraße, zog später an den prominenteren Standort ein Haus weiter, direkt an den Rosenthaler Platz und erwarb das Gebäude 1896. In der nördlichen Rosenthaler Straße konnte bei Fabisch die gesamte Familie neu eingekleidet werden. Denn neben Philipp Fabisch gab es noch weitere Ausstattungshäuser, die in Familienhand waren. Zwei Häuser weiter, Rosenthaler Str. 3, führte Adolf Fabisch seit 1898 „Fabisch & Co“ mit „Herren- und Knaben-Konfektion“. Auch die Hausnummer 2 in der Rosenthaler gehörte einem Fabisch, nämlich Max, auf den gleich noch einmal zurückgekommen wird. Wenige Meter weiter südlich in der Rosenthaler 63/64 betrieb Bernhard Fabisch ein „Spezial-Geschäft für Damenhüte“. Jenseits des Alexanderplatzes hatte sich Gustav Fabisch mit einem „Engros“- und Export-Handel und in der Chausseestraße, nahe der Invalidenstraße, Max und Alfred Fabisch mit einer Damenmäntelfabrik namens „Max Fabisch & Co.“ niedergelassen. Darüber hinaus besaß Mannheim Fabisch seit 1868 ein Geschäft für „Herren- und Knabengarderoben“ und einen daran angeschlossenen Secondhand-Laden, im damaligen Sprachgebrauch eine „Resterhandlung“(!). Mannheim Fabisch war in Schöneberg, vor den Toren Berlins, beheimatet.
Am Rosenthaler Platz, gegenüber der Hausnummer 1, in der Rosenthaler Str. 72, lebte Philipp Fabisch mit seiner Ehefrau Therese. Im letztgenannten Haus konnte man sich ebenfalls einkleiden lassen, bei Max Cohn und dieser war wiederum mit einer geborenen Fabisch, nämlich Margarethe, verheiratet.
Am 16. November 1839 wurde Philipp Fabisch in Wreschen (heute: Września/Polen) geboren, kam unter unbekannten Umständen wie viele seiner Zeitgenossen aus der Provinz in die preußische Hauptstadt. Hier hatte er große wirtschaftliche Erfolge, konnte sein Vermögen vermehren, wurde Millionär und besaß darüber hinaus neben dem Haus in der Rosenthaler Straße 1 die gegenüberliegende Nr. 72 und noch mindestens drei weitere Häuser in Berlin. Ähnliche Erfolge konnten auch einige der anderen obengenannten Familienmitglieder vorweisen.
Über das private Leben des Herrenausstatters Philipp Fabisch ist nur sehr wenig bekannt. Er hatte drei Kinder, ein viertes Kind, Siegmund Fabisch, verstarb als Säugling. Als eines der „ältesten Mitglieder“ war er engagiert im „Verein der Posener“, Anlaufpunkt für Heimatverbundene des Posener Landes. In Berlin förderten Philipp wie Adolf und Max Fabisch die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, später Hochschule, an der viele jüdische Persönlichkeiten lernten, lehrten und forschten.
Er starb am 5. Oktober 1917 und wurde neben seiner Ehefrau Therese (geb. Pick, 1838; gest. 1899) auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Das Grab besteht heute noch. Die Gemeinschaft der „Fabisch’schen Erben“ verwaltete für die nächsten gut zwei Jahrzehnte die Häuser Philipp Fabischs. Auch das Herrengarderobengeschäft am Rosenthaler Platz blieb bestehen – offenbar ein (kleiner) Traditionsname: „Ph. Fabisch“. Die Erbengemeinschaft bestand aus den drei Kindern des Unternehmensgründers Philipp Fabisch, nämlich Margarete Cohn, Hulda Pach und Max Fabisch. Ein vierter Gesellschafter war der Ehemann von Margarete, nämlich Max Cohn, der Ende 1933 starb. Familie Cohn und Max Fabisch hatten ihrerseits eigene Unternehmen.
Neben dem Geschäft Fabischs war in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unter anderem eine Filiale der Schuhfirma Salamander. Bis 1908 war in den Kellerräumen „eine der ältesten Berliner Lesehallen, die sogenannte Schreiber-Lesehalle“ untergebracht. „Ihren Beinamen verdankte sie den zahlreichen stellenlosen Schreibern, die sie ... zu besuchen pflegten.“
Das südwestliche Eckhaus am Rosenthaler ging 1938 schließlich „in arischen Besitz über“. So meldete es „Aus der Wirtschaft“ die Jüdische Rundschau am 1. November 1938 lapidar – wenige Tage vor dem Novemberpogrom, als Synagogen in Brand gesteckt und jüdische Geschäfte im gesamten Reich geplündert wurden. Schließlich wurde die Philipp Fabisch GmbH am 5. April 1939 liquidiert.
Die nationalsozialistische Repression und stetig zunehmende Verfolgung zerbrach die gesamte Familie Fabisch. Die drei Kinder Philipp Fabischs, die zugleich die letzten Gesellschafter der Firma waren, wurden nach Jahren der Unterdrückung und Schikanierung in ihrer Heimat 1942 von Berlin nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Die Enkel konnten fast alle rechtzeitig in die USA emigrieren und überlebten. Lediglich ein Enkel, der bereits 1936 nach Frankreich emigriert war, wurde vermutlich von dort nach Auschwitz deportiert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Rosenthaler Platz zunächst im sowjetischen Sektor von Berlin, später „Hauptstadt der DDR“. Die Rosenthaler Straße 1 blieb ein Bekleidungsgeschäft, befand sich nicht mehr Ecke Elsasserstraße, sondern an der neubenannten Wilhelm-Pieck-Straße. Das „Kaufhaus am Rosenthaler Platz“ war eine Filiale der „Handelsorganisation Fachhandel Berlin, Textil“. Ehemalige Mitarbeiter berichten „Es war oft nichts zu tun und zu verkaufen am Rosenthaler Platz.“ Mindestens vier Mitarbeiter wurden jederzeit beschäftigt und viele Freundschaften gegründet (siehe Berliner Zeitung vom 5./6. Juli 2008).
Auch nach der Wende 1989 befand sich hier ein „Mode-Treff“, diesmal mit dem Zusatz „Dick aber Chic“. In der Folgezeit wechselten viele Mieter. Ab Oktober 2008 wird das Circus Hotel seine Türen öffnen. Die Betreiber des Circus Hotels sind sich der Geschichte dieses Hauses und des Rosentahler Platzes bewusst. Sie leben und arbeiten hier im Wissen um das Schicksal der Familie Fabisch und im Respekt für das von Ihnen Geleistete.
Zurück zum Restaurant Fabisch!
Wir bedanken uns für die unkomplizierte Zusammenarbeit beim Centrum Judaicum und insbesondere dem Verfasser dieses Textes Jakob Hübner.









